ECHT!

POP-PROTOKOLLE AUS DEM RUHRGEBIET

Partisanenfragmente

Als “Autor zwischen prosaischer Sprachkunst, queeren Subkulturen und literaturpolitischen Kämpfen” wird der Autor Florian Neuner in der aktuellen Testcard porträtiert. Neuner setzt sich aktuell mit dem Ruhrgebiet auseinander, weil es eine “kulturell noch relativ unschuldige, nicht so eindeutig besetzte Landschaft” sei.

So ist der Westen. Eine Bahnunterführung bildet die Stadtgrenze. Eine Straßenbahnlinie, die in mehr als einer Stunde Fahrzeit Bochum-Laer mit Gelsenkirchen-Buer verbindet, unterquert die stillgelegte Kray-Wanner-Bahnstrecke. & nur das Ortseingangsschild deutet darauf hin, daß die Bewohner des unteren Straßenzugs keine Bochumer, sondern Einwohner des Gelsenkirchener Stadtteils Ückendorf sind. Wobei auch noch berücksichtigt werden muß, daß die Bewohner des hier an Gelsenkirchen grenzenden Bochumer Stadtteils Wattenscheid sich mit dem Ende Wattenscheids als kreisfreier Stadt im Jahre 1975, gegen das auch die Aktion Bürgerwille nichts auszurichten vermochte, bis heute nicht abgefunden haben & nach wie vor nur ungern als Bochumer ansprechen lassen. Aber was zählt der Bürgerwille schon! & welche der Städtefusionen & Eingemeindungen wäre nicht anfechtbar!

Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist der Ruhr.Text. Einzelne Fragmente kann man hier lesen.

Marc Degens’ Poppott

Marc Degens ist ein umtriebiger Mensch. Nicht nur betreibt er seit langem das schöne Online-Feuilleton satt.org, seine Buchreihe Sukultur kann selbst an einem Automaten im Hagener Hauptbahnhof erstanden werden. Für Echt! hat er einen schönen Text über das Schriftstellerwerden im Ruhrgebiet verfasst:

Ich wurde 1971 geboren, wuchs in Essen auf, Anfang der achtziger Jahre zog ich mit meinen Eltern an den Rand des Ruhrgebiets, nach Dorsten, „das Tor zum Münsterland“. Nach dem Abitur studierte ich an der Ruhr-Universität in Bochum, ich zog zurück nach Essen, schrieb literarische und journalistische Texte, gab ein Literaturfanzine heraus, spielte in einer Band, trat auf … Im Un- und Hintergrund. 1999 dann, direkt nach meinem Universitätsabschluss, siedelte ich nach Berlin über. Immer wieder wenn ich im Ruhrgebiet bin, ganz gleich ob in Essen, in Dorsten oder in Bochum, spüre ich es: Mein Schriftstellertum ist eine Art Flucht. Keine Flucht vor der Arbeitswelt, denn Literatur machen ist Arbeit, sondern eine Flucht vor der Welt der Angestellten.

Den Rest kann man bei satt.org nachlesen.

Open the pad bay doors, Ruhr.2010!

Pünktlich zu ihrem Start ist die Kulturhauptstadt zum Aufmacher mutiert. Während die bundesweiten Feuilletons der bekannten “So dreckig ist es im Ruhrpott doch gar nicht mehr”-Erzählung folgen, scheint vor Ort eher das Wetter Gesprächsstoff für das Kommentariat zu bieten. Dabei geht es auch deutlich gehaltvoller. In einem Gastbeitrag bei den Ruhrbaronen schreibt die AG Kritische Kulturhauptstadt:

Die Kulturhauptstadt 2010 agiert mit einem ausgrenzenden und instrumentellen Kulturverständnis. Kultur dient in erster Linie als Werkzeug zur Wirtschaftsförderung, von der nur eine Minderheit profitieren wird. Die Entdeckung der Kreativwirtschaft als trendige Urbanisierungsmaschine, die gefördert werden muss, reduziert Kreativität auf eine Geschäftsidee.

Ein solches Verständnis von Kultur als Standortfaktor kann im Ruhrgebiet nur scheitern. Schadenfreude ist jedoch unangebracht, sondern eher Wut über die Ignoranz gegenüber einer sozialen Alltagskultur, die sich hinter dem Wortgeklingel der Kulturhauptstadt und ihrem bunten Bespaßungsprogramm versteckt.

Das Bespaßungsprogramm ist aus Geldmangel dann diesmal nicht ganz so dröge. Statt Knappenchöre auf Schalke gibt es eine Beatplantation auf der Zeche Zollverein. Und damit zum Schluss dann noch ein wenig Eigenwerbung. Ab 18.30 reden in Halle 5 erst  Jörg-Uwe Nieland und Maren Volkmann darüber, was Pop im Ruhrgebiet bedeutet, bevor Klaus Fiehe seinen Text aus “Echt! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet” liest. ByteFM ist auch vor Ort. Die Form ist misslungen, der Inhalt könnte aber ganz nett werden.

Ruhr

James Bennings Film “Ruhr“, über den wir im September schon einmal kurz berichtet haben, erfährt übrigens am Montag, dem 2.11., seine Uraufführung im Rahmen der Duisburger Filmwoche. Unglückliche Daheimhocker können den Film übrigens einen Tag später auf 3sat sehen.

Unternehmungslustig?

Wer gerne ausgeht, dem sollte der Zusammenhang von Pop und Raum eigentlich unmittelbar einleuchten. Deshalb hier nur der kurze Hinweis auf eine interessante Veranstaltung am nächsten Freitag im AZ Mülheim.

Mild Pitch

Schon im Juni gab es hier einen Post zu Manuel Tur, der zu der Zeit sein Album 0201 auf dem englischen Houselabel Freerange veröffentlichte. Der Essenindikator sollte dabei keinesfalls als Anspielung auf den notorischen 4630 Albumtitel eines HG, sondern auf den sowohl momentan im Dubstep, als auch in der französischen Elektronik der 90er grassierenden Anspielungsreichtum hinsichtlich Zahlencodes, Vorwahlen, Postleitzahlen, Hausnummern verstanden werden, wie Manuel Tur jüngst im Interview (mehr dazu in der kommenden Ausgabe des Magazins Skug-Journal für Musik) erklärte.

Einen weiteren Schritt um Essen auf der Landkarte interessanter Clubmusik einzubrennen, ging Tur nun mit zwei Essener Mitstreitern in Sachen avanciertem House und Techno, den DJs und Produzenten Langenberg und Dplay und gründete das Label Mild Pitch.  Erster Release des neuen Labels, das Tur als “Spielwiese” bezeichnet, auf der “keine Kompromisse mit der Veröffentlichungspolitik” eingegangen werden müssen, ist die als Gemeinschaftsproduktion von Tur und Langenberg als Ribn entstandende und deutlich clubbiger als 0201 agierende 12er This Feeling. Ein Album soll aus dieser Koproduktion ebenfalls entstehen, man darf sehr gespannt sein. Und erwarten, dass in der einschlägigen Presse bald nicht nur Leipzig oder Hamburg-House Szeneportraits gewidmet werden, sondern der Stadt mit der Vorwahl 0201.

Benning

Wer James Bennings sehr meditative Arbeiten über amerikanische Landschaften wie in seiner “California Trilogy” oder “13 Lakes” kennt, wird sich wundern über seinen als Trailer der diesjährigen Viennale fungierenden neuen Kurzfilm. Schon über seinen letzten Langfilm “RR” wurde gefeixt, im Vergleich zu seinen Seenlandschaften und Himmelsbetrachtungen nehme sich ein Film, in dem Züge durchs Bild fahren, wie ein Actionsfilm aus. Nun ist aber wirklich Action in Bennings Werk getreten, denn für die Viennale hat er sich ins Ruhrgebiet begeben.

Benning filmt einen Arbeitsvorgang in einem Stahlwerk im Ruhrgebiet. Auf einer Art Förderband fährt ein glühendes Stück Stahl ins Bild und verschwindet. Um nach kurzer Zeit wieder aufzutauchen und als feuriges, leuchtendes Material erneut durch die Aufnahme zu ziehen. Schließlich fällt ein künstlicher Regen aufs glühende Metall und die entstehende Dampfwolke erfüllt das gesamte Bild und bringt es zugleich zum Verschwinden.
James Bennings kleiner Film, entstanden im Auftrag der Viennale, ist ein ebenso einfaches wie raffiniertes Stück Kino. „I took the steel rolling process that takes about 10 minutes“, schreibt der Filmemacher, “and condensed it down to one minute by cutting out portions and hiding the elipses in time with dissolves”
Nach dem letztjährigen Trailer von Jean-Luc Godard, der ein kleines Wunder an Montagekunst war, ist Bennings Arbeit eine ebenso beeindruckende filmische Verdichtung von Zeit und Bewegung. Am Beispiel eines industriellen Arbeitsvorgangs. Und es wäre nicht James Benning, hätte er dafür nicht als Überschrift den Titel eines alten Hippiesongs von James Taylor gewählt: Fire and Rain.

Sehr sehenswert und hier zu sehen: http://www.viennale.at/deutsch/

Obwohl man sich fragen könnte, wie die klassischen Themen Bennings um Naturbeherrschung und Ausbeutung hier eigentlich angespielt werden.

Tim Hecker

Ich weiß nicht, ob es das Gespenst des Hardcore Continuums war, das Scuba dazu bewogen hat, seine Heimatstadt Bristol gegen Berlin einzutauschen. Vielleicht waren es auch einfach nur die günstigen Mieten und seine Liebe für den Berliner Minimal-Sound. Letzteres dürfte er mit Shackleton gemeinsam haben, der gerade auf Perlon ein beklemmendes Dreifach-Vinyl veröffentlicht hat. Zusammen bespielen die beiden am Samstag den Essener Goethebunker und es ist immer interessant zu sehen, wie sich die Ausläufer des Hardcore Continuums in die Körper deutscher Clubgänger einschreiben.

Die Audiodigitale widmet sich dagegen den körperlosen Stimmen von auf Übertragungsmedien gebannten Gespenstern mit einem Lineup aus etablierten Elektromusikern. Der Brite Robin Rimbaud wurde dadurch bekannt, dass er Gespräche aus dem Mobilfunk aufnahm und collagierte, der Kanadier Tim Hecker arbeitet regelmäßig mit dem weißen Rauschen als Stilmittel. Dabei ist eigentlich faszinierend zu sehen, wie jede Musik ihre eigenen Meistertropen des kollektiven Gedächtnisses ausbildet. Im Dubstep ist es der verhallte Garage-Break, auf der Audiodigitale dann vielleicht die Stimme von Konstantin Raudive, die seine Experimente zusammenfasst.

Für nicht ganz so langsame

Draußen scheint die Sonne in mein Fenster, also hier ein kurzer Hinweis. Heute feiert Manuel Tur in Essen den Release seines Debutalbums, vermutlich ein wunderschönes Stück House. Eine Hörprobe gibt’s diese Woche im Podcast vom Resident Advisor.

Manifeste Metropolenträume

Nostalgisch für die Zeit der Manifeste sei er, bekannte Tom McCarthy letzte Woche auf seiner Lesung in der wirklich sehenswerten Ausstellung “Wach sind nur die Geister“. Eine Nostalgie, die man erstmal teilen kann. Ein Manifest beklagt und verspricht, polarisiert und versöhnt dabei nicht. Und ist im Hinblick auf die täglichen PR-Sprüche über seine Heimatregion tatsächlich begehrenswert:

“Das wird wie beim Club der toten Dichter”, hofft Marc-Oliver Hänig, der Sprecher der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010. In dem Film würde sich am Ende auch einer nach dem anderen für die gute Sache erheben. Und genau so etwas schwebt den Machern der Kulturhauptstadt im Ruhrgebiet auch vor: Eingeladen von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und dem Vorsitzenden des Initiativkreises Ruhrgebiet, Eon-Chef Wulf Bernotat, würden sich die versammelten Unternehmer des Ruhrgebietes schließlich für die Kulturhauptstadt einspannen lassen. Obwohl zur Zeit keiner Geld übrig habe, so Hänig, würde doch noch “etwas herum kommen”.

Die alten Männer sollen es mal wieder richten. In Anbetracht dessen ist man für einen etwas panoramatischen Blick auf die Situation sofort dankbar. “Metropolenträume in der Provinz” ist der Titel eines Textes, mit dem sich die AG Kritische Kulturhauptstadt zu Wort meldet.
 

»Passagen«, »Vernetzung«, »Zukunft gestalten« – das Wortgeklingel der Kulturhauptstadt-Rhetorik klingt aufgesetzt angesichts der anhaltenden Strukturkrise. Es verschweigt die sozialen Wirklichkeiten einer Alltagskultur im Ruhrgebiet hinter dem großen Spektakel. Das Projekt Kulturhauptstadt spielt sich im Kontext des „Strukturwandels“ als ein Lösungsansatz auf, in dem die benachteiligten Bevölkerungsgruppen der Region jedoch keine Rolle mehr spielen.

Die Gruppe stellt ihr Papier am Dienstag, dem 26.Mai um 19.30 Uhr im Sozialen Zentrum, Josephstr.2 in Bochum vor.