Der panoramatische Blick
by Johannes Springer
Die seit 2007 erscheinende “Zeitschrift für Kulturwissenschaften” hat im Jahr 2008 gleich zwei Ausgaben veröffentlicht, die für unseren Popruhr-Kontext große Relevanz bergen. Zunächst wurde Anfang des Jahres das Dauerthema Kreativität einer kritischen Reflektion unterzogen und mit einem Sonderkapitel der Nexus Stadt und Kreativität (-sindustrien) untersucht. Im Dezember erschien die neue Ausgabe, welche sich schlicht den Titel Räume gegeben hat und mit sehr speziellen Foki ein Panorama kulturwissenschaftlicher Raumforschung entwirft. Zwei momentan zentrale Erscheinungsformen des räumlich orientierten Forschens, die wir in den Pop-Protokollen ebenfalls aufgehoben wissen wollten, werden in der Einführung unterschieden:
Die erste fasst den spatial turn als »gesteigerte Aufmerksamkeit für die räumliche Seite der geschichtlichen Welt« (Schlögel 2003: 68f.) bzw. des gesellschaftlichen Lebens. Dieser größeren Aufmerksamkeit für die konkrete Verortung historischer Ereignisse – und das heißt: die räumliche Eingebundenheit gesellschaftlicher und kultureller Prozesse – kann, als zweite Ausprägung des spatial turn, ein neues Bewusstsein für den gesellschaftlichen und kulturellen Anteil an Raumkonstruktionen gegenübergestellt werden: die Neudefinition von Raum als soziale/kulturelle Produktion.
Was dies konkret heißt, zeigt ein Beitrag Achim Prosseks, der auch die Pop-Protokolle mit einem Text bereicherte. Sein Thema im ZfK-Aufsatz ist das Landmarkenprojekt der IBA und dessen Kapazitäten zur visuellen Regionsproduktion. Prossek analysiert das Projekt, welches wider das reale und in den mental maps drohende Verschwinden der Region anging und das zur Quelle von Erzählungen über das Ruhrgebiet und geteilte Raumbilder führen sollte, als Versuch ein neues individuelles und kollektives Bildreservoir zu erzeugen. Neben der Rolle als Wahrzeichen und als Orte der Erinnerung macht er dabei ihre Orientierungsfunktion als fundamentalen Fortschritt zur Lesbarkeit der Region aus. Erst der “panoramatische Blick” ermögliche es gut, die polyzentrische Stadtlandschaft als zusammenhängend und einheitlich zu erfahren. Meist sei dieser Blick für Fremde und Reisende interessant, im Ruhrgebiet allerdings hätten auch und vor allem die Bewohner ein großes Interesse an einer veränderten Perspektive auf ihre Region. Der touristische Blickauf die eigene Region kann hier im Sinne der regionalidentitären Verortung den Ruhrgebietsbewohnern schon zugesprochen werden. Diese neuen Blickverhältnisse und Sichtbeziehungen lösen damit die Autobahnen ab, welche Prossek zufolge vormals eine der wenigen, wenngleich unzulänglichen Orte der Regionserfahrung waren. Was wiederum einen Bogen schlagen ließe zur Filmanalyse der “Autopiloten”, die ich in den Pop-Protokollen nutzte, genau diesen Modus der Ruhrgebietserfahrung zu skizzieren.
Comments
Ohne die Idee von Dr. Prossek schmälern zu wollen, würde ich aber schon behaupten, dass die Regionalerfahrung auf den diversen Halden eine qualitativ andere Dimension hat als diejenige des Stauteilnehmers.