ECHT!

POP-PROTOKOLLE AUS DEM RUHRGEBIET

Die heiligen Grails

Für Freunde der Gitarrenmusic mit dem “Post” davor, ist die Pause des FZW schon ein kleiner Verlust. Schließlich hat Uli von Coraille dort mit großer Mühe ein wirklich exquisites Programm zusammengestellt. Schön, dass er im Bahnhof Langendreer ein neues Zuhause gefunden hat. Vor knapp einer Woche feierte er mit Urlaub in Polen dort Einstand, ein richtiges Highlight ist aber der Auftritt der Grails am 27. April. Das Quartett aus Portland produziert mit minimalsten Mitteln pointiertesten Postrock, in dem sich Gitarrenläufe im Wettrennen um die schönste Melancholie überschlagen. Support sind Milhaven aus Dortmund.

1,2,3….ich seh Euch!

Während wir immer noch fleißig sind, die freundlichen, klugen und überwältigend zahlreichen Reaktionen auf unser Buch zu sammeln und zu sortieren, waren andere Menschen entschieden fleißiger. Deswegen machen heute abend auch Dortmunds schönste Ausgehmeter unter neuem Namen wieder auf.  Und präsentieren gleich zum Einstieg ein Glanzlicht, für das “Highlight” einfach zu schlicht wäre. Johnny D veröffentlicht auf Oslo Records, das letztes Jahr großes Konsenslabel bei der easyjetsettenden Kritikerelite war. Was dann gleich die Frage aufwirft, wie groß wohl die Anzahl Londoner Besucher heute abend sein wird?

Zweimal werden wir noch wach

Zwar haben es schon alle Spatzen von den Dächern gepfiffen, traurig ist es aber trotzdem. Das VRSTCK, Dortmunds angenehmste Ausgehmeter, schließt leider zum Ende dieses Monats. Solange darf man sich aber noch freuen. Am 17.1. über einen Liveauftritt von Takeshi Nishimoto, im Nebenberuf Gitarrist bei I’m not a Gun, und am 31.1. über die letzte Sause im Birkenwald. Über die Zeit danach ist leider noch nichts gepffiffen worden.

Der panoramatische Blick

Die seit 2007 erscheinende “Zeitschrift für Kulturwissenschaften” hat im Jahr 2008 gleich zwei Ausgaben veröffentlicht, die für unseren Popruhr-Kontext große Relevanz bergen. Zunächst wurde Anfang des Jahres das Dauerthema Kreativität einer kritischen Reflektion unterzogen und mit einem Sonderkapitel der Nexus Stadt und Kreativität (-sindustrien) untersucht. Im Dezember erschien die neue Ausgabe, welche sich schlicht den Titel Räume gegeben hat und mit sehr speziellen Foki ein Panorama kulturwissenschaftlicher Raumforschung entwirft. Zwei momentan zentrale Erscheinungsformen des räumlich orientierten Forschens, die wir in den Pop-Protokollen ebenfalls aufgehoben wissen wollten, werden in der Einführung unterschieden:

Die erste fasst den spatial turn als »gesteigerte Aufmerksamkeit für die räumliche Seite der geschichtlichen Welt« (Schlögel 2003: 68f.) bzw. des gesellschaftlichen Lebens. Dieser größeren Aufmerksamkeit für die konkrete Verortung historischer Ereignisse – und das heißt: die räumliche Eingebundenheit gesellschaftlicher und kultureller Prozesse – kann, als zweite Ausprägung des spatial turn, ein neues Bewusstsein für den gesellschaftlichen und kulturellen Anteil an Raumkonstruktionen gegenübergestellt werden: die Neudefinition von Raum als soziale/kulturelle Produktion.

Was dies konkret heißt, zeigt ein Beitrag Achim Prosseks, der auch die Pop-Protokolle mit einem Text bereicherte. Sein Thema im ZfK-Aufsatz ist das Landmarkenprojekt der IBA und dessen Kapazitäten zur visuellen Regionsproduktion. Prossek analysiert das Projekt, welches wider das reale und in den mental maps drohende Verschwinden der Region anging und das zur Quelle von Erzählungen über das Ruhrgebiet und geteilte Raumbilder führen sollte, als Versuch ein neues individuelles und kollektives Bildreservoir zu erzeugen. Neben der Rolle als Wahrzeichen und als Orte der Erinnerung macht er dabei ihre Orientierungsfunktion als fundamentalen Fortschritt zur Lesbarkeit der Region aus. Erst der “panoramatische Blick” ermögliche es gut, die polyzentrische Stadtlandschaft als zusammenhängend und einheitlich zu erfahren. Meist sei dieser Blick für Fremde und Reisende interessant, im Ruhrgebiet allerdings hätten auch und vor allem die Bewohner ein großes Interesse an einer veränderten Perspektive auf ihre Region. Der touristische Blickauf die eigene Region kann hier im Sinne der regionalidentitären Verortung den Ruhrgebietsbewohnern schon zugesprochen werden.  Diese neuen Blickverhältnisse und Sichtbeziehungen lösen damit die Autobahnen ab, welche Prossek zufolge vormals eine der wenigen, wenngleich unzulänglichen Orte der Regionserfahrung waren. Was wiederum einen Bogen schlagen ließe zur Filmanalyse der “Autopiloten”, die ich in den Pop-Protokollen nutzte, genau diesen Modus der Ruhrgebietserfahrung zu skizzieren.

Gut angelegt

Ob das als Argument in der Qualitätsdebatte taugt? Christian Wesener hat sich eine Menge Zeit für ein Interview genommen. Gesendet wurde es auf WDR3. Wir bedanken uns ganz herzlich.

Zur Regionalität als Dispositiv der Popkulturforschung

Es hat auch vor 2008 viel Popkulturforschung mit einem primär regionalen Fokus gegeben, eine Häufung dieser Herangehensweise in letzter Zeit lässt sich allerdings kaum übersehen. Der Bremer Kulturwissenschaftler Jochen Bonz hat die zur Zeit im westfälischen Oelde stattfindende Ausstellung “Stadt.Land.Pop. Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule” zum Ausgang für Lehrveranstaltungen und einige interessante eigene Überlegungen genommen.

Mit ihrem Ansatz, die biografischen Wurzeln einer Personengruppe, die die Popkultur im deutschsprachigen Raum nachhaltig prägte, in der Region Ostwestfalen zum Thema zu machen, reiht sich die Ausstellung neben anderen aktuellen Projekten der Popgeschichtsforschung ein, die ebenfalls auf Regionales abheben. Ich denke an die material- und abwechslungsreiche Publikation Echt! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet (herausgegeben von Johannes Springer, Christian Steinbrink und Christian Werthschulte, Verlag Salon Alter Hammer, 14,90) und an die Veröffentlichung Mjunik Disco (Blumenbar Verlag, 32,00), die mir als ich dies schreibe, allerdings nur aus Besprechungen im Feuilleton der SZ und dem SZ-Magazin bekannt ist. Ganz offenbar haben wir es hier regelrecht mit einem zeitgenössischen Dispositiv der Popkulturforschung zu tun; einer Brille, die Seheigenschaften verleiht, die heute nicht nur Einzelnen viel versprechend erscheinen.

Pop in R(h)einkultur ließe sich noch ergänzen zu dieser Sammlung von mit der speziellen Anordnung einer sehr raumbezogenen Popkulturperspektive arbeitenden Veröffentlichungen. Bonz allerdings, der auch eine ziemlich rigorose Ablehnung des westfälischen Projekts durch Jochen Distelmeyer kolportiert, hält zum Gelingen dieses Ansatzes zumindest eine Voraussetzung für unabdingbar. Ob diese allerdings immer so plausibel ist wie im Falle Ostwestfalens Indiewundergeneration und der Hamburger Schule, vermag ich noch nicht recht zu sagen.

Die regionale Ausprägung der Popkultur ist interessant für diejenigen, die am jeweiligen Ort waren oder sind oder sich für ihn interessieren, da es sich bei der regionalen Erscheinungsform der Popkultur um das handelt, was es dort an dem betreffenden Ort tatsächlich gegeben hat. Dies war dort wirklich.
Demnach wird das Regionale in diesem Dispositiv nicht einfach im geografischen Sinne verstanden. Vielmehr meint es eine lokale Ontologie. Eben das Was und Wie des Vorhandenseins und Seins der Dinge und Personen, da und dort. Nun zeigt jedoch gerade das Thema von Stadt.Land.Pop, dass das Regionale und das lokale Ontologische aber eben gerade nicht zusammen fallen. Sie sind eben nicht eins, gehören nicht zusammen. Denn eine lokale Ontologie finden die ostwestfälischen Protagonisten der Hamburger Schule schließlich erst in Hamburg. Dass es sie aus Ostwestfalen wegzieht, spricht dagegen dafür, dass es eine lokale Ontologie dort gerade nicht gegeben hat. Das ist freilich relativ gemeint: es scheint sie in der Weise nicht gegeben zu haben, als es sich dort nicht leben ließ. Handlungsfähigkeit, eine Welt, die mit begehrenswerten Objekten ausgestattet ist, Motive, Gleichgesinnte – all die Aspekte, die eine Ontologie im Wesentlichen ausmachen – das fand sich, denke ich, in der Subkultur in Hamburg.
Mein Fazit: Wenn das Dispositiv der regionalen Popkulturforschung und –geschichtsschreibung schon seinen Bann entfaltet, könnte eine reflektierte Art der Realisierung des Dispositivs darin bestehen, analytisch zwischen den Aspekten der Regionalität und der Ontologie zu trennen.

Become the media

Wenig los in Popruhrland gerade. Also mal wieder Selbstbeweihräucherung. Über die unerwartet enthusiastische Reaktion auf das Goldene Zitronen-Konzert am letzten Mittwoch hat Christian Steinbrink ja bereits berichtet, die Reaktionen auf das heutige Ereignis waren ebenfalls unerwartet. Um ca. 15.15 erhielt Johannes Springer eine SMS. Der Inhalt in Kurzform: “Esse ahnungslos Kekse, als ich deine Stimme höre.” Was war passiert? Der DLF hatte geladen und wir haben uns hinter ein Mikrofon gezwängt. Das Resultat kann man sich hier anhören.

Schön war’s


Und das schreibt die WAZ:

Über Pop im Ruhrgebiet sei bisher zu wenig erzählt worden, meinten die Herausgeber des Buches „Echt! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet“ und baten einschlägige Autoren um Nachbesserung. Das komplexe Ergebnis wurde in der überaus voll besetzten Goldkante vorgestellt.

Zunächst las Klaus Fiehe, DJ und legendäres Urgestein des WDR, seine Geschichte über „Boggi“. Das ist Bogdan Kopic, dessen Aufsteigergeschichte quasi vom Tellerwäscher zum Millionär sich im Ruhrgebiet abspielte, eben vom Lehrling und Manager einer Vorort-Hard-Rockband bis hin zum Plattenboss von Combos wie Nightwish, Him und den Eurovisions-Schock-Rockern von Lordi. Kopic grinste derweil gut gelaunt im Publikum, wo der ebenfalls im Buch vertretene Autor Wolfgang Welt raunte, dessen erste gemanagte Band „Faithful Breath“ in der Schule noch als „Feinde“ gesehen zu haben. Anschließend an diese mit vielen Namen und Anekdoten geschwängerte Pop-Historie performte der 1981 geborene Autor Jörg Albrecht. Seine Collage „100.000 Lo-Fi Lieder“ aus Stimme, Musik, und Diktiergerät nahm Bezug auf die mediale und inhaltliche Pop-Sozialisation von in den 70ern geborenen Menschen. Kassetten und deren Störgeräusche und Leerstellen und das Leben zwischen Punk, Indie und Provinz ließ er knisternd und rückkoppelnd in feinster Cut-Up-Ästhetik aufscheinen in der Nachfolge und Fortführung von Vorbildern wie Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Ploog oder Andreas Neumeister.

Ob der Heavy Metal wirklich die Fortführung industrieller Arbeit mit dem Werkzeug Gitarre sei und deshalb vom Ruhrgebiet aus einen weltweiten Siegeszug antrat, wie Klaus Fiehe überspitzt postulierte; oder ob das Auftauchen einer introspektiven Harfen-Folk-Sirene wie Joanna Newson in Herne relativ unwahrscheinlich („natürlich nicht unmöglich!“) sei, wurde anschließend in kleineren Kreisen fröhlich diskutiert. Derartigen Diskussionsstoff enthält dieses Buch aus dem Herzen des Pott-Pops, das weiterhin Furore machen wird, noch reichlich. Es sei jedem ans Herz gelegt, besonders vielleicht dem Herrn Dieter Gorny.

Vielen lieben Dank an alle, die da waren.

Es darf gefeiert werden

“Der kleine Laden neben dem Rauschen”, so erklärt man Leuten am leichtesten den Weg zur Goldkante. Was eigentlich bedauerlich ist, denn Orte wie diesen gibt es leider nicht viele im Ruhrgebiet, so dass man denken würde, die Goldkante sei so bekannt wir ihr Einrichtungspendant. Freitag abend wäre vielleicht eine gute Gelegenheit für einen Besuch. Klaus Fiehe und Jörg Albrecht lesen dort ab 20.30 Uhr ihre Texte aus “ECHT! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet”, die Herausgeber bespaßen die versammelten Gäste mit Musik und danach fallen hoffentlich alle mit ihrer neuen Gutenachtlektüre glücklich und erschöpft ins Bett. WIr werden’s tun.

Salon on air

Max und Sabine vom Salon Alter Hammer sind zwei vielbeschäftigte Menschen. Nicht nur mussten sich die beiden wochenlang mit unseren Rechtschreibfehlern und Hurenkindern herumschlagen, nebenbei standen auch noch Aufnahmen für das neue Album von Telemark an. Trotzdem nehmen sie sich heute Zeit, mit dem Deutschlandfunk über ihr Kleinstunternehmen zu reden und was sie zu sagen hatten, kann man später hier nachhören.