Es hat auch vor 2008 viel Popkulturforschung mit einem primär regionalen Fokus gegeben, eine Häufung dieser Herangehensweise in letzter Zeit lässt sich allerdings kaum übersehen. Der Bremer Kulturwissenschaftler Jochen Bonz hat die zur Zeit im westfälischen Oelde stattfindende Ausstellung “Stadt.Land.Pop. Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule” zum Ausgang für Lehrveranstaltungen und einige interessante eigene Überlegungen genommen.
Mit ihrem Ansatz, die biografischen Wurzeln einer Personengruppe, die die Popkultur im deutschsprachigen Raum nachhaltig prägte, in der Region Ostwestfalen zum Thema zu machen, reiht sich die Ausstellung neben anderen aktuellen Projekten der Popgeschichtsforschung ein, die ebenfalls auf Regionales abheben. Ich denke an die material- und abwechslungsreiche Publikation Echt! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet (herausgegeben von Johannes Springer, Christian Steinbrink und Christian Werthschulte, Verlag Salon Alter Hammer, 14,90) und an die Veröffentlichung Mjunik Disco (Blumenbar Verlag, 32,00), die mir als ich dies schreibe, allerdings nur aus Besprechungen im Feuilleton der SZ und dem SZ-Magazin bekannt ist. Ganz offenbar haben wir es hier regelrecht mit einem zeitgenössischen Dispositiv der Popkulturforschung zu tun; einer Brille, die Seheigenschaften verleiht, die heute nicht nur Einzelnen viel versprechend erscheinen.
Pop in R(h)einkultur ließe sich noch ergänzen zu dieser Sammlung von mit der speziellen Anordnung einer sehr raumbezogenen Popkulturperspektive arbeitenden Veröffentlichungen. Bonz allerdings, der auch eine ziemlich rigorose Ablehnung des westfälischen Projekts durch Jochen Distelmeyer kolportiert, hält zum Gelingen dieses Ansatzes zumindest eine Voraussetzung für unabdingbar. Ob diese allerdings immer so plausibel ist wie im Falle Ostwestfalens Indiewundergeneration und der Hamburger Schule, vermag ich noch nicht recht zu sagen.
Die regionale Ausprägung der Popkultur ist interessant für diejenigen, die am jeweiligen Ort waren oder sind oder sich für ihn interessieren, da es sich bei der regionalen Erscheinungsform der Popkultur um das handelt, was es dort an dem betreffenden Ort tatsächlich gegeben hat. Dies war dort wirklich.
Demnach wird das Regionale in diesem Dispositiv nicht einfach im geografischen Sinne verstanden. Vielmehr meint es eine lokale Ontologie. Eben das Was und Wie des Vorhandenseins und Seins der Dinge und Personen, da und dort. Nun zeigt jedoch gerade das Thema von Stadt.Land.Pop, dass das Regionale und das lokale Ontologische aber eben gerade nicht zusammen fallen. Sie sind eben nicht eins, gehören nicht zusammen. Denn eine lokale Ontologie finden die ostwestfälischen Protagonisten der Hamburger Schule schließlich erst in Hamburg. Dass es sie aus Ostwestfalen wegzieht, spricht dagegen dafür, dass es eine lokale Ontologie dort gerade nicht gegeben hat. Das ist freilich relativ gemeint: es scheint sie in der Weise nicht gegeben zu haben, als es sich dort nicht leben ließ. Handlungsfähigkeit, eine Welt, die mit begehrenswerten Objekten ausgestattet ist, Motive, Gleichgesinnte – all die Aspekte, die eine Ontologie im Wesentlichen ausmachen – das fand sich, denke ich, in der Subkultur in Hamburg.
Mein Fazit: Wenn das Dispositiv der regionalen Popkulturforschung und –geschichtsschreibung schon seinen Bann entfaltet, könnte eine reflektierte Art der Realisierung des Dispositivs darin bestehen, analytisch zwischen den Aspekten der Regionalität und der Ontologie zu trennen.