ECHT!

POP-PROTOKOLLE AUS DEM RUHRGEBIET

Bücherstapel aus dem Ruhrgebiet

Kauft dieses Buch. Lest es. Verschenkt es. Oder stellt es Euch wenigstens ins Regal…

schreibt Stefan Laurin in seiner Rezension über “ECHT! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet”. Auch ansonsten hat er nette Dinge zu sagen:

Im Laufe der Jahre, die ich mich mit dem Ruhrgebiet beschäftige habe ich unzählige Bücher über die Region gelesen. Keines kam an analytischer Schärfe, Kenntnisreichtum und Liebe um Detail an „Echt! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet“ heran.

Ob die Vorschusslorbeeren berechtigt sind, kann man ab heute selbst herausfinden. Die Druckerei hat das Buch am Donnerstag ausgeliefert.

Rock’n'Roll Elementary

Bei den Ruhrbaronen konnte man letzte Woche von einer interessanten Studie der RVR-Grünen erfahren. Offensichtlich trägt man sich mit dem Gedanken, eine Popakademie nach Mannheimer Vorbild zu gründen. Standort soll wohl Dortmund werden. Die Idee selbst ist nun noch überhaupt nichts Neues, aber man kann ja mal nachlesen:

Das von den Medien gemalte Bild der reichen und erfolgreichen PopkünstlerInnen überdeckt auf fatale Weise die Wirklichkeit, die in der Branche auf die MusikerInnen wartet.

Was zuerst wie eine durchaus realistische Einschätzung wirkt, zeigt leider deutlich die Farbe der Hoffnung. Denn den in der Studie genannten 2200 MusikerInnen, die mehr als 17.500 Euro im Jahr verdienen, steht ein durchschnittliches Einkommen von 12.600 Euro gegenüber, dass die KSK für ihre 160.000 Mitglieder, darunter wohl auch einige Musiker, angibt. Trotzdem ist das eine interessante Idee, besonders weil es mit dem merkwürdigen Verelendungs-Mythos aufräumt, dass Pop besonders gut in der Prekarität gedeiht. Man erinnere sich nur an die Produktivität englischer KunsthochschulabsolventInnen mit poststudentischer Zeit in relativ gesicherten Verhältnissen “on the dole”. Dagegen sieht die Ahnenreihe, die die Popakademie-Gründer für NRW ausmachen, gleich noch provinzieller aus:

KünstlerInnen wie Kraftwerk, Westernhagen und die Toten Hosen, Nena, BAP oder Udo Lindenberg haben ihre Wurzeln in diesem Bundesland.

Apropos England. Dorthin werden die Blicke in der gesamten Kreativindustriedebatte ja mittlerweile seltener gelenkt. Warum das so sein könnte, kann man bei James Heartfield nachlesen:

In their T-shirts and trainers, Britain’s genius layabouts too easily spin romantic myths about creative work – that it is all brainy flashes of inspiration. Yet, for the most part, creative production is difficult and demanding work, full of dead-ends. Long ago, the radical critic Walter Benjamin wrote that the transformation of artistic technique ‘is for the author as producer, the basis of his political progress’. The responsibility on those working in creative industries is not social improvement or even economic growth. What is entrusted to artistic and imaginative individuals is the vitality and integrity of their work itself.

Kalifornien, Südfrankreich, Dortmund

Wer hätte gedacht, dass einer der nicht nur bei mir wohlgelittensten Comiczeichner, Robert Crumb, eine Beziehung zu Dortmund hat? Hat er aber. Zumindest ist er gerade dort, um ein bisschen über seine Comics zu parlieren und zu musizieren.

Ein Comic, den ich diese Woche gelesen habe, ist eine recht neue Veröffentlichung aus dem Verlag KonturBlau, der schon für den RG-Comic aufRuhr verantwortlich zeichnete und nun einen Schalke 04-Comic vorlegt.  Der Gedanke beim Aufschlagen der ersten Seite: Andreas Müller im Comic-Format sieht ein wenig aus wie ein gealterter Tintin, das Format macht ihn also deutlich sympathischer als es die Realität will. Leider ist dies aber nur das Vorwort und der eigentliche Comic behandelt jene Schalker Geschichtsperiode, in der ausgesprochen viele Meisterschaften gefeiert wurden. Die erste Hälfte des 20. Jhr., 1904-1945, um genau zu sein. Da es aber keine schlechten Schalker gibt, sehen wir die großen Triumphe der Königsblauen inszeniert als die große Schalke-Kladde, die kleine Jungen retrospektiv 1944 im Bunker verschlingen, um sich von den Bombenabwürfen abzulenken. Dort zu sehen: Der Schalker Kreisel demontiert die Gegner mit seiner spielerischen Klasse. Bei Niederlagen ist es Schiebung. Opferinszenierung allenthalben, im Luftschutzkeller und auf dem Platz. Dann ist der Krieg vorbei, ein paar Säcke Kartoffeln werden gegen Landkicker gewonnen, der Busfahrer ist ein freundlicher britischer Soldat. Ein paar guten Schalkern kann hier niemand böse sein.

Everyday is like sunday

Ein wenig merkwürdig ist es schon. Da erntet man monatelang schräge Blicke, wenn es heißt: “Wir bringen ein Buch über Pop im Ruhrgebiet heraus” und dann schlägt das Ruhrgebiet zurück - erst im Stern, dann im Spiegel und zu guter Letzt auch in der SZ.

Dass es dabei ein wenig auf der Strecke bleibt, ist wohl ein Nebeneffekt, die Packungsbeileger haben es so gewollt. Der Stern präsentiert das Revier leicht ideenlos als “iPott“, in dem nur Männer über 45 existieren und der Kreativdirektor spielt gerne mit dem “sexy Stabilbaukasten“.

Wo leben diese Menschen eigentlich?